Landesstelle Wien/Niederösterreich

Besichtigung der Hauptkläranlage Wien Simmering

Durch die Erweiterung der bereits bestehenden Kläranlage verfügt Wien seit Mitte des Jahres nach nur 5-jähriger Bauzeit über eine der modernsten Kläranlagen Europas.
Am 26. September, einem prächtigen Spätsommertag, unternahm eine Gruppe von interessierten Teilnehmern unter der Führung des Projektleiters der Hauptkläranlage,
DI Stefan Zelinka einen Rundgang durch das Herzstück des umfassenden Umweltprogramms, das entscheidend zur Verbesserung der Qualität der Wiener Flüsse beiträgt. Daran beteiligt sind auch neue Sammelkanäle und die kontrollierte, computergesteuerte Ableitung der Abwässer aus dem Kanalsystem in die Kläranlage. Bei einem einführenden Filmvortrag konnten wir den Weg des Abwassers durch die Anlage verfolgen:
Das Abwasser von mehr als 98% der Wiener Haushalte, aus Gewerbe und Industrie, sowie das Regenwasser fließen über die Hauptsammelkanäle der Kläranlage zu, die am tiefsten Punkt der Stadt, nahe der Mündung des Donaukanals in die Donau, liegt.
Die erste mechanische Reinigung erfolgt im Schotterfang, wo wöchentlich ca. 15 Tonnen Feststoffe entfernt werden. Sechs Schneckenpumpen, von denen jede bis zu 4.500 Liter pro Sekunde transportieren kann, heben dann das Abwasser 5 Meter hoch auf Anlagenniveau, damit es die Anlage im natürlichen Gefälle durchfließen kann. In der nachfolgenden Rechen-anlage verbannen 6 Feinrechen alle Schwimm- und Feststoffe, die größer als 6 mm sind. Kleinere Feststoffe (bis zu 5 Tonnen täglich) sinken dann im Sandfang, wo das Abwasser mit nur 10 cm pro Sekunde fließt, zum Boden ab. Den Abschluß der mechanischen Reinigung bildet die folgende Vorklärung in 8 Becken, wo sich täglich 80 bis 120 Tonnen Primärschlamm absetzen, der zu den Eindickern gepumpt wird.
Es beginnt nun die biologische Reinigung und es wird turbulent. In vier Belebungsbecken Stufe 1 mischen Kreiselbelüfter Luft in das Abwasser, wo sich Trillionen von Mikroorgan-ismen und Bakterien auf engstem Raum tummeln und nur eines im Sinn haben, nämlich Kohlenstoff zu vertilgen und das Abwasser von seinen mitgeführten Verunreinigungen zu befreien. Zwei Stunden beträgt die Durchflußzeit in den nachfolgenden Zwischenklärbecken, wobei der Belebtschlamm (Mikroorganismen mit aufgenommenem Schmutz) sedimentiert. Ein Teil davon wird in die Belebungsbecken der ersten Stufe rückgeführt, um die Anreicherung mit Mikroorganismen zu beschleunigen. Der Überschußschlamm wird in die Eindicker gepumpt. Vor der Erweiterung war hier die Reinigung abgeschlossen. Bis zu 85% des Kohlenstoffes und 30% des Stickstoffes sind nun bereits entfernt.
Jetzt beginnt der Weg in den neuen Anlagenteil. Im Zwischenpumpwerk werden nun 18.000 Liter Abwasser und 13.500 Liter Rücklaufschlamm pro Sekunde nochmals 5 Meter hoch-gehoben um dann im freien Gefälle Richtung Verteilbauwerk zu fließen, wo sie gleichmäßig auf 15 Belebungsbecken aufgeteilt werden. Diese 6 m tiefen Becken bieten nun Mikro-organismen, die über Tellerbelüfter mit Sauerstoff versorgt werden, 171.000 Kubikmeter Arbeitsraum. Hier in den Belebungsbecken der zweiten Stufe steht ein bedeutender Schritt in der Abwasserreinigung an: Die Stickstoffentfernung.

Neben den organischen Stoffen stellen die Stickstoff- und Phosphorverbindungen des Ab-wassers eine Belastung für die Gewässer dar. Die Einleitung dieser Nährstoffe kann in letzter Konsequenz für das "Kippen" von Gewässern verantwortlich sein. Wurde bisher der Großteil der organischen Verschmutzung aus dem Abwasser entfernt, so war für die Entfernung der Nährstoffe eine Erweiterung der Kläranlage notwendig. Während Phosphor überwiegend durch die dosierte Zugabe von Metallsalzen dem Abwasser entzogen wird, ist für die Stick-stoffentfernung eine wesentlich längere Reinigungsdauer und mehr biologisches Volumen erforderlich. Sie erfolgt in zwei Schritten: Bei der Nitrifikation wird von speziellen Bakterien das im Abwasser enthaltene Ammonium zu Nitrat umgebaut. Beim zweiten Schritt, der Denitrifikation, wird das Nitrat von Mikroorganismen in elementaren Stickstoff umge-wandelt, der schadlos in die Atmosphäre entweicht. Eine ideale Verfahrenskombination sorgt dafür, dass eine Stickstoffentfernung von mehr als 70% erreicht wird und das Wiener Abwasser von mehr als 95% der organischen Verunreinigungen befreit in den Donaukanal eingeleitet werden kann. Die letzten 2 - 3 Stunden davor verbringt das gereinigte Abwasser in 15 neuen Nachklär-becken, die mit einem Innendurchmesser von 64 Metern zu den größten der Welt zählen.
Mittels Doppelräumern auf speziellen Räumerbrücken erfolgt dort die Trennung des gereinigten Abwassers vom Klärschlamm. Ein Teil des Schlamms wird auch hier zur Beschleunigung der Anreicherung mit Mikroorganismen in die Belebungsbecken Stufe 2 rückgeführt. Der Überschußschlamm wird in die Verdicker gepumpt und nach anschließ-ender Entwässerung durch Zentrifugen in Wirbelschichtöfen bei 850°C verbrannt. Nach einer Durchlaufzeit von ca. 20 Stunden verlässt das gereinigte Abwasser über getauchte Ablaufrohre in den Nachklärbecken die Kläranlage und fließt über das Ablaufgerinne in den Donaukanal.
Beim abschließenden Rundgang durch die Anlage konnten wir nicht nur einen tollen Ausblick über große Teile der Stadt genießen, sondern auch das Bewußtsein mitnehmen, die Umsetz-ung eines richtungsweisenden Umweltschutzprojekts gesehen zu haben.

R. J.

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